SYMBIOSE - Verstrickung oder Synergie?

Symbiose als Schutz und Garant des Überlebens
Symbiotische familiäre Verstrickung
Mutter, Vater, aber auch Geschwister - also Elternhaus und Familie - prägen zutiefst seit Beginn eines Menschen Lebens durch Vorbild und Erziehung, aber auch durch Verletzungen und Mangel. Das kann überwiegend in stärkender Synergie geschehen, aber auch als verstrickte Symbiose, welche die eigene Entwicklung und Eigenständigkeit eines Kindes, eines Jugendlichen und eines Erwachsenen be- oder sogar verhindert. Wird das nicht bewusst wahrgenommen und aufgearbeitet, dann gibt der Betroffene diese das Leben behindernde Energie an seine eigenen Ihre Kinder weiter. Aber auch in einer kinderlosen Beziehung richtet dieser Mangel schweren Schaden an. Am Arbeitsplatz kann er ausgenützt werden, im sozialen Leben ebenso. Letztlich wird für den Betroffenen das Leben in der Unsicherheit darüber, was richtig und angemessen im Geben und was richtig und angemessen im Nehmen ist, als bedrohlich, unausgefüllt und ungerecht erscheinen.
Mutter-Kind - der Inbegriff einer Symbiose
Ein Neugeborenes, Kleinkind oder meist auch noch jugendlicher Teen ist per se auf die Symbiose mit der Mutter angewiesen, denn sonst wäre dessen Überleben nicht möglich . Nahrung, Schutz, Struktur, das Lernen mit dem Leben zurechtzukommen und andere Bedürfnissen werden durch die Mutter gestillt.
Der Ablauf von der Bedürfnisäußerung des Kindes und der Reaktion der Mutter, des Stillens der Bedürfnisse (am Anfang beim Säugling ja einfach eben das STILLEN im doppelten Sinn, nämlich die Brust zu geben UND damit das die Mutter "nötigenden" Schreiens zu beenden) wird je älter das Kind wird (also je länger die Symbiose anhält) immer komplexer.
Denn mit den Monaten und Jahren erfahren beide eine Geschichte aneinander, was dann ab einem bestimmten Alter von beiden bewusst und zumeist wertend wahrgenommen und auch im sozialen Miteinander instrumentalisiert eingesetzt wird.
Ein Beispiel mit Augenzwinkern - aber exakt so selbst erlebt:
Ein Säugling bekommt ohne wenn und aber sofort seine Milch - ein dreißigjähriger noch im Elternhaus lebender Sohn kann nicht erwarten, dass die Mutter oder sonst wer sofort einkaufen fährt, wenn er sagt "Es ist keine Milch mehr im Kühlschrank".
Die meisten werden beim Lesen hier sofort denken "mit Dreißig lebt man nicht mehr zuhause" und "mit Dreißig hat man sich selbst zu versorgen und sozialverträglich zu leben".
Im Laufe der Entwicklung wächst zudem in der Wahrnehmung des Kindes dem Vater eine immer größere Rolle zu.
Arbeitsplatz
Familie
Sozialen Leben
xxxxxxxxxx
Symbiose und Synergie sind kein Widerspruch. Leben ist nur so in beidem möglich - wo immer man beides auch findet ... :-)
Anmerkung:
Ich habe diese Seite SMYBIOSE etwas anders gestaltet als die nachfolgenden sieben Seiten zu Lebenssituationen. Es gilt viel mehr Erklärungen für Kopf und Verständnis und weniger Intuitives. In meiner Sicht hat das Symbiotische (oder dessen fehlen) aber Auswirkungen auf alle anderen Lebenssituationen bis hin zu letzten und tiefsten - der achten, dem Lebenssinn. Es schließt sich ein Kreis im Geben und Nehmen, sich auf der Welt willkommen und angenommen oder dich fremd und abgelehnt fühlen.
Mehr Text folgt
Zum Thema SYMBIOSE hier zwei Lieder:
Brahms Vertonung von "O wüsst´ ich doch den Weg zurück" taucht in die Sehnsucht des kindlichen Anteils eines Erwachsenen ein, welcher einem selbst bestimmten, selbst verantwortlichen und somit "anstrengenden" Leben den Rücken kehren und sich sorglos behütet an der Hand der Mutter wieder finden möchte. Interessant, welch resignative Wendung Brahms für den Schluss des Gedichts mit der Erkenntnis der Unmöglichkeit findet. Also keine Erkenntnis, das solch ein Ansinnen nur schädlich ist ...
In Mahlers Vertonung eines Lieds aus der von den Brentano-Brüdern aus dem Volksgut gesammelten Gedichtsammlung "Des Knaben Wunderhorn" steht das Schicksalhafte im Vordergrund (alles braucht beim besten Willen Zeit - und die genügt oft nicht), aber man kann es zum hier behandelten Thema auch als Darstellung der permanenten Versagensängste einer Mutter interpretieren. Was immer sie auch tut empfindet sie als ungenügend, zu wenig oder als falsche Entscheidung. Sie empfindet ständig das Rufen des Kindes nach Hilfe und Unterstützung und fühlt sich in Ihrem Streben zu Geben überfordert.
Übrigens: Das Wunderhorngedicht hat den Titel "Verspätung", was als eine sehr nüchtern abgeklärte oder - je nach Resonanz des Lesers - auch zynische Sichtweise interpretiert werden kann. Mahler hat den Titel in ein resigniertes und überhöhtes schicksalhaftes "Das irdische Leben" umbenannt. Dazu muss man wissen, dass der Komponist in der Kindheit bewusst der Tod einiger seiner Geschwister erlebt hat und sein Leben lang an diesem Thema zu leiden hatte - letztlich ja dann auch noch am Tod seiner älteren Tochter mit nur vier Jahren.
O wüsst´ ich doch den Weg zurück
O wüßt ich doch den Weg zurück,
Den lieben Weg zum Kinderland!
O warum sucht ich nach dem Glück
Und ließ der Mutter Hand?
O wie mich sehnet auszuruhn,
Von keinem Streben aufgeweckt,
Die müden Augen zuzutun,
Von Liebe sanft bedeckt!
Und nichts zu forschen, nichts zu spähn,
Und nur zu träumen leicht und lind,
Der Zeiten Wandel nicht zu sehn,
Zum zweiten Mal ein Kind!
O zeig mir doch den Weg zurück,
Den lieben Weg zum Kinderland!
Vergebens such ich nach dem Glück –
Ringsum ist öder Strand!
(Text: Klaus Groth) (Vertonung: J. Brahms)
Verspätung (von Mahler umbenannt: Das irdische Leben)
Mutter, ach Mutter! es hungert mich,
Gib mir Brot, sonst sterbe ich.
Warte nur, mein liebes Kind!
Morgen wollen wir ernten geschwind.
Und als das Korn geerntet war,
Rief das Kind noch immerdar:
Mutter, ach Mutter! es hungert mich,
Gib mir Brot, sonst sterbe ich.
Warte nur, mein liebes Kind,
Morgen wollen wir dreschen geschwind.
Und als das Korn gedroschen war,
Rief das Kind noch immerdar:
Mutter, ach Mutter! es hungert mich,
Gib mir Brot, sonst sterbe ich.
Warte nur, mein liebes Kind,
Morgen wollen wir backen geschwind.
Und als das Brot gebacken war,
Lag das Kind auf der Totenbahr.
(Text: Des Knaben Wunderhorn) (Vertonung: G. Mahler)
Zum Thema "Heimkehr zur Mutter" möchte ich noch auf das Lied "Hänschen klein" verweisen. Es gibt von dem Lied quasi drei Fassungen, wenn man die gebräuchliche Kurzfassung mit dazuzählt. Die bekannte zweite Fassung unterscheidet sich von der Urfassung auf den ersten Bick fast gar nicht - bis auf die letzten beiden Zeilen. Diese geben dem Lied aber eine gänzlich veränderte Aussage. Diese wird dann nochmals in der Kurzfassung wie in einem Brennglas klar:
- Das Ruft sie schon: "Hans, mein Sohn! Grüß dich Gott, mein Sohn!" der Urfassung ist die freie Begrüßung einer Mutter, die Ihren Sohn als selbstständigen Mann zu einem Besuch begrüßt.
- Das Hans, mein Sohn! So ein Glück! Endlich bist’ zurück! ist eine ganz Aussage: Eine Mutter, welche den Sohn quasi "auf Zeit" in die Welt hat ziehen lassen, aber dessen "Heimkommen" sie erwartet hat.
- In der Kurzfassung ist die Aussage noch symbiotischer: Denn Hänschen klein geht anscheinend ziemlich schnell wieder nach Hause - und zwar WEIL die Mutter weint, da er gegangen ist. Diese Kausalität wird in den anderen beiden Fassungen so nicht hergestellt. Dort ist von sieben Jahren(!) - also einem abgeschlossenen Lebenszyklus (dem des Erwachsenwerdens) - die Rede und das "sich besinnen" (eben eines eher Erwachsenen, "Kind" also nur im Verhältnisbezug zur "Mutter") in Bezug gesetzt.
Hänschen klein (Urfassung)
Hänschen klein ging allein
In die weite Welt hinein.
Stock und Hut steht ihm gut,
Ist gar wohlgemut.
Doch die Mutter weinet sehr,
Hat ja nun kein Hänschen mehr!
"Wünsch dir Glück!" Sagt ihr Blick,
"Kehr' nur bald zurück!"
Sieben Jahr trüb und klar
Hänschen in der Fremde war.
Da besinnt sich das Kind,
Eilt nach Haus geschwind.
Doch nun ist's kein Hänschen mehr.
Nein, ein großer Hans ist er.
Braun gebrannt Stirn und Hand.
Wird er wohl erkannt?
Eins, zwei, drei geh'n vorbei,
Wissen nicht, wer das wohl sei.
Schwester spricht: "Welch Gesicht?"
Kennt den Bruder nicht.
Kommt daher die Mutter sein,
Schaut ihm kaum ins Aug hinein,
Ruft sie schon: "Hans, mein Sohn!
Grüß dich Gott, mein Sohn!"
Hänschen klein (Bekannte Fassung)
Hänschen klein ging allein
In die weite Welt hinein
Stock und Hut steh‘n ihm gut
Ist gar wohlgemut
Aber Mutter weinet sehr
Hat ja nun kein Hänschen mehr
Wünsch dir Glück! Sagt ihr Blick
Kehr nur bald zurück!
Doch es waren sieben Jahr
Die er in der Fremde war
Da besinnt sich das Kind
Läuft nach Haus geschwind
Doch nun ist’s kein Hänschen mehr
Nein, ein großer Hans ist er
Stirn und Hand braun gebrannt
Wird er so erkannt?
Eins, zwei, drei gehen vorbei
Fragen sich, wer das wohl sei
Die Schwester spricht, das Gesicht
Nein, das kenn ich nicht!
Doch da kommt die Mutter rein
Schaut ihm nur ins Aug’ hinein -
Hans, mein Sohn! So ein Glück!
Endlich bist’ zurück!
Hänschen klein (Kurzfassung)
Hänschen klein ging allein
In die weite Welt hinein.
Stock und Hut steht ihm gut,
Ist gar wohlgemut.
Doch die Mutter weinet sehr,
Hat ja nun kein Hänschen mehr!
Das besinnt sich das Kind,
kehrt geschwind zurück
Weshalb hier diese Analyse eine Kinderlieds? Weil diese drei Fassungen die Schritte einer symbiotischen Beziehung schildern - in der Umkehrung von Kurzfassung zur Urfassung in zwei Schritten der Lösung - zudem in der richtigen Reihenfolge:
Zuerst
J.BRAHMS: "O wüsst´ ich doch den Weg zurück"
(Igor Kipnis, Bass & Gerald Moore, Klavier 1936)
G.MAHLER: "Das irdische Leben"
(Christa Ludwig, Mezzo & Bernstein, Klav 1968)
